Freitag, 6. Februar 2015

Mitternachtsphilosophie (I)

"Ich frage mich, wie lange es wehtut"
Durch den kalten Wind fange ich an zu zittern, was nur durch sein lautes Lachen übertönt wird. 
"Die Frage sollte sein, ob es wehtut. Oder eher, was du da großartig mitbekommst. Die Sache wird schnell durch sein"
"Die Sache" Ich verziehe spöttisch den Mund, während ein weiterer Güterzug mit einer ohrenbetäubenden Lautstärke an uns vorbei rast. Schweigend starre ich auf die Gleise, die nur Sekunden später wieder frei sind. "Stellst du dir solche Fragen nie?"
Er zuckt mit den Schultern und zieht an seiner Zigarette "Ne irgendwie nicht. Keine Ahnung. Manchmal, ja. Wenn sowas wieder in den Nachrichten ist. Aber sonst" 
Ich spüre wie er mich von der Seite anguckt. "Und du so?"
"Hin und wieder", sage ich und lächle.
Wir schweigen für eine Weile, vielleicht weil er nicht weiß was er sagen soll, vielleicht, weil auch einfach nichts mehr gesagt werden muss. 
"Du bist ziemlich schräg", sagt er schließlich und hält mir grinsend die Zigarette hin.
"Ich weiß" Ich kann nicht aufhören leise vor mich hin zu lächeln. "Ich rauche nicht mehr"  
"Für dein Alter scheinst du mir ein ziemlich schlaues Mädchen zu sein" Er drückt seine Zigarette aus, und schaut in den Himmel. Ein paar Sternen leuchten schwach zwischen den aufgebrochenen Wolken. "Ich wäre mit zwanzig auch gerne schlauer gewesen" 
"Das Leben lehrt einen so einiges", antworte ich und das Lächeln wird etwas schwächer.
Wieder spüre ich seinen Blick von der Seite. "Das ist die Intelligenz, auf die es eigentlich ankommt"
Von weitem höre ich den nächsten Zug einfahren. 
"Ich will immer noch wissen, wie lange es wohl wehtut"
"Meine Empfehlung ist: Nicht ausprobieren" Wir lachen und mein Blick fällt auf die Automaten hinter mir. 
"Na?" Ich springe auf und krame Kleingeld aus meiner Hosentasche "Kaffee?"
"Mitten in der Nacht?" 
"Ich bin ziemlich schräg"