Ich bin kein schlechter Mensch.
Starre dich im Spiegel an, bis es anstrengend wird. Hör nicht auf. Sag es noch einmal. Ich bin kein schlechter Mensch.
Sag es so lange bis du es glaubst, sag es, denn es ist wichtig. Weine, weil du weißt, dass es stimmt. All diese Dinge passieren, man sagt all diese Dinge zu dir, du wirst so behandelt, du bekommst nie das was du gibst. Und welcher Grund auch immer dahinter stecken mag, was auch immer du falsch gemacht hast - Starre dich im Spiegel an, sag es, zweifle, aber sag es.
Ich war kein schlechter Mensch
Seit meinem 17. Lebensjahr hatten sich meine Ideale kaum verändert. Wer zum Beispiel gefragt hat wie mein Traummann so wäre, bekam immer zu hören, dass er groß und dunkelhaarig ist mit Bart. Erfolgreich, mit Sinn für Stil aber noch größerem Sinn für Humor. Er liebt das was er tut und weiß für was er steht. Er respektiert und akzeptiert mich und alle Dramen die ich mitbringe. Er ist ehrlich, er ist ein Arschloch, er kann streiten, er weiß wann es reicht, er lässt mich nie an seiner Liebe zweifeln. Er will die Welt sehen, er ist voller Geschichten die er mit mir teilen will. Er ist ein Idiot, aber der beste den ich mir vorstellen kann. Und natürlich kann er gut küssen, das ist selbstverändlich Grundvoraussetzung. Alle hatten mich dann immer ganz verträumt angeguckt, und ich wahrscheinlich einfach nur zu viele Bücher gelesen.
Oder die Sache mit dem Job. Ich wusste, ich wollte den Leuten was erzählen. Geschichten aufdecken und an die Öffentlichkeit bringen. Menschen berühren und schockieren. Ich wollte etwas schaffen, was bleibt. Ich wollte gut leben können aber in erster Linie etwas tun, was mich erfüllt. Um auch genau das auszustrahlen.
Mit 17 darf man diese Ideale haben. Es ist der Zeitraum wo man diese hat, sie aber langsam überdenken sollte. Die einen schaffen diesen Absprung, und arbeiten mit der Realität. Andere schaffen diesen Absprung nicht.
Sie bleiben stehen. Sie springen nicht. Man schubst sie irgendwann.
Wenn du also vor dem Spiegel stehst und sagst, du bist kein schlechter Mensch, denkst du an all die Dinge die passiert sind. Was man dir gesagt hat, was man dir nie gesagt hat. Die leeren Worte, die schwere Leere. An das was du gegeben hast, an das was du nicht zurück bekommst. An deine Wünsche, an deine Ideale, und wie weit entfernt sie sind.
An den Moment, als man dich geschubst hat. Und du starrst dein Spiegelbild weiter und weiter an, bis du begreifst, dass man immer weiter so mit dir umgehen wird, dass das immer wieder passiert.
Weil du kein schlechter Mensch bist