Sonntag, 19. April 2015

"Ich habe noch nie Blumen geschenkt bekommen"
Seufzend lasse ich mich neben ihn auf die Wiese fallen und beobachte den kleinen Jungen, der ein paar Gänseblümchen abreißt und seiner Mutter hinhält. "Der wird mal ein Traummann"
"Jetzt echt nicht?" Er sieht verwirrt aus "Du bist 'ne Frau, euch schenkt man immer Blumen" 
"Naja okay, mit 16 habe ich mal auf unserem Dorffest bei der Tombola eine Topfpflanze gewonnen. Das ist ja auch geschenkt bekommen, irgendwo. Sie hat zwei Wochen gehalten. Pflanzen brauchen Wasser, wusstest du das?"
Er reißt die Augen auf und schüttelt den Kopf "Nein ich hatte keine Ahnung, sprich weiter!"
"Leck mich" Hinter meiner Sonnenbrille verziehe ich spöttisch das Gesicht "Ich hätte lieber den Jägermeister Strohhut gewonnen, aber das Los zog Esther Breuer" Es dauert mehrere Minuten, bis er sich wieder gefangen hat. Ben hat sich vor lachen auf der Wiese lang gemacht und hält sich den Bauch, und ich wünschte, dieser Moment würde nie enden. Wie er da liegt und ich schwach lächelnd das Gras aus dem Boden rupfe, alles fühlt sich leicht an. Es ist der perfekte Sonntag, und ich schaffe es für eine Weile auszublenden, wie sehr mich die Entwicklungen dieser Woche abgefuckt hatten. Er richtet sich wieder auf. 
"Esther Breuer klingt nach dem dicken Bauernkind, was den Jägermeister Strohhut als neues Accessoire ausführen wird", sagt er und wischt sich die Lachtränen aus den Augen. 
"Hm ja das passt tatsächlich. Aber sie ist jetzt mit diesem anderen dicken Bauernkind zusammen, und der schenkt ihr sogar Blumen, wie Facebook Bilder verraten" 
"Wow bei so viel Romantik in deinem Kaff verstehe ich gar nicht warum du nach Köln ziehst" Meine Faust landet auf seinem Oberarm und wir schweigen eine Weile, bis ich plötzlich seine Hand vor mir sehe. "Mademoiselle" Er hält mir ein Gänseblümchen hin und zieht grinsend die Augenbrauen hoch. Lachend fange ich an es auseinander zu zupfen.
"Nein ernsthaft, ich werde 21 dieses Jahr und habe noch nie Blumen bekommen. Etliche Dates, 20 Geburtstage, all die überstandenen Dramen und Nervenzusammenbrüche" Ich verdrehe theatralisch die Augen "Und kein einziges Mal Blumen" 
"Man sollte dir einen ganzen scheiß Garten pflanzen" Er lächelt mich an. "Warum ist dir das so wichtig? Es ist doch nur so ne fucking Geste, wie Pralinen."
Und dann weiß ich ausnahmsweise mal wirklich nicht was ich sagen soll, die Leichtigkeit von eben droht zu kippen. Ich versuche es mit einem kurzen Achselzucken aber er hebt abwehrend die Hand.
Also fange ich an von dieser Woche zu erzählen, den schlechten Sachen und den guten, die dank meiner nächtlichen overthinking shit-sessions auch zu schlechten Sachen wurden. "Ich frage mich einfach, warum es nie reicht. Warum habe ich noch nie das L Wort gehört? Warum noch nie Blumen bekommen"
"Du denkst das ist deine Schuld?" Er mustert mich von der Seite und ich antworte nicht. "Willst du über Berlin reden?" 
"Nein"
"Das ist jetzt fast 'nen Monat her, du weißt dass ich die Klappe halte" 
Ich lächle ihn an und er drückt meine Hand, die Sonne scheint immer noch. Und genau so soll es bleiben. 
Plötzlich steht der kleine Junge neben mir und grinst schüchtern. "Hallo" Mein Blick fällt auf die drei Blümchen die er mir hinhält und ich drehe mich um, seine Mutter sitzt hinter uns und lächelt stolz. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie noch da waren. 
Ben grinst und streicht mir weiter beruhigend den Handrücken. Der Kleine drückt mir die Blumen in die Hand.
"Die sind für dich" 

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