Als ich gegen Acht nach Hause komme weiß ich, dass es passieren wird.
Ich ziehe mein verwaschenes Beatles Shirt an und lege mich ins Bett, zitternd ziehe ich meine Beine so nah es geht an den Brustkorb und schließe die Augen. Mein Atem ist unruhig, aber ich habe ihn unter Kontrolle. Ich habe alles unter Kontrolle.
Es ist wie eine Erlösung, als mein Handy aufleuchtet und ich kurz abgelenkt bin "Hast du jetzt so fünf Minuten?"
Nein, denke ich. Ja, sage ich.
Hektisch greife ich nach der Schachtel und lege alles bereit. Ich habe immer noch alles unter Kontrolle, aber ich weiß, dass es passieren wird. Vielleicht sollte ich vorsorgen. Der Abend ist durch, ich wollte eh gleich schlafen. Also sorge ich vor. Viel Wasser dazu.
Mit Handy am Ohr koche ich Tee. Weißen. Ich als Grüntee Trinkerin wage heute das Unmöglichste. Alles ist okay.
Ich schaffe es, ein paar vernünftige Sätze zu formulieren. Ich kippe kurz zur Seite, und habe die Kontrolle darüber. Ich bin ehrlich traurig und besorgt als mir all diese Dinge am Handy erzählt werden. Ich denke an diese Untersuchung letzte Woche, dann denke ich nichts mehr. Erst nach ein paar Sekunden merke ich, dass meine Tasse mit heißem Wasser übergelaufen ist. Aber das macht nichts. Ich lächle und höre weiter zu, während ich das Wasser abschütte und mich frage, ob ich genug vorgesorgt hatte.
Als wir auflegen bin ich traurig, diese Stimme hat mich jetzt ein paar Minuten beruhigt und abgelenkt von dem Gefühl, dass es gleich passieren wird, und ich muss bestürzt feststellen, dass ich definitiv nicht genug vorgesorgt hatte. Ich gehe zurück in mein Zimmer und schließe die Tür hinter mir, lehne mich dagegen, und beobachte meine linke Hand, die sich langsam zu einer Faust ballt, die Faust sich öffnet, das Zittern stärker wird, die Faust sich schließt. Mein Atem ist unruhig, aber ich habe ihn unter Kontrolle, ich habe ihn unter Kontrolle, ich.. ich wusste, es würde passieren.
Eine halbe Stunde später ist er da. Ich stehe seit zehn Minuten nur im Beatles Shirt und Socken im Hausflur und warte. Nichts ist gut und ich habe keine Kontrolle, mein Atem ist zu schnell oder setzt aus, immer abwechselnd. Er schaut mich von oben bis unten an und zieht mich zu sich, während er uns gleichzeitig in die Wohnung schiebt. "Bist du alleine?", fragt er leise und ja mein Gott, denke ich, natürlich bin ich alleine wenn ich schon so abdrifte. Er wartet, bis ich mich wieder in meiner Ausgangsposition zurück ins Bett gelegt habe und sein Blick fällt auf meinen Schreibtisch, wo ich alles bereit gelegt hatte. "Nicht schlecht Heisenberg" Er grinst schwach und eine Sekunde später spüre ich ihn hinter mir im Bett, er drückt sich an mich und umarmt mich so fest von hinten, bis sein Geruch von Parfum und Zigaretten das einzige ist, was ich noch wahrnehmen kann. Ich zittere immer noch, und kann es schließlich nicht mehr.
Meine Finger krallen fest in seine Arme, dann bricht es aus mir heraus. Ich verliere sowohl Kontrolle als auch Stolz und Würde, alles in genau diesem Moment. Aber es ist mir egal. Er ist da und er hält mich fest, nach allem heute. Ich nehme wahr, wie er mir langsam den Kopf streichelt und beruhigende Laute von sich gibt, aber ich kann nicht aufhören zu heulen, bis ich keine Luft mehr bekomme. Ich wusste, es würde passieren. Ich kam nach Hause und wusste es.
Erst nach einer weiteren halben Stunde fange ich an mich zu beruhigen. Wir reden nicht, er hält mich einfach nur, und ich merke wie die Wirkung langsam einsetzt. Er sagt mir schließlich es ist okay, und ich weiß, dass es das nicht ist.
Mein Zimmer ist dunkel und nur mein Handy leuchtet manchmal wegen neuer Nachrichten auf.
Ich frage ihn mit zitternder Stimme, wann das alles aufhört. Und er schweigt. Er schweigt so lange. Zu lange.
Eine Antwort, die mich nicht einschlafen lässt.