Dienstag, 8. Dezember 2015

"A love like that was a serious illness, an illness from which you never entirely recover"
                                                                  - Charles Bukowski; The People Look like Flowers at Last 


Im August, es war der 22. wenn ich genau bin, hatte ich eine Kette gekauft. Eine lange Kette in gold, der Anhänger war ein großes dünnes Blatt, auch gold. Was mich sofort an dieser Kette faszinierte, war die Zerbrechlichkeit des Blattes. Es war so fragil, und schon beim anfassen hatte ich Angst, irgendwas daran kaputt zu machen. Es war die letzte und da sie keine zehn Euro gekostet hatte, gehörte sie ein paar Minuten später mir. Drei Tage danach bot sich mir das erste Mal die Gelegenheit sie zu tragen. Ich hatte genau 15 Minuten um mich fertig zu machen, und ich hasste alles an mir als ich das Haus verließ, außer dieser Kette. Sie passte zu meinen blonden Haaren die ich da noch hatte und obwohl ich strahlte, als ich dich endlich am Ende der Brücke gesehen hatte, war ich mir sicher, dass die Kette noch etwas mehr strahlte. 
Du sagtest irgendwann, dass dir meine Kette gefällt und hast dann meine Hand geküsst, und auch wenn ich mir in dem Moment so sehr gewünscht hätte zu hören, dass ich dir gefalle, war ich überglücklich, weil die Kette ja auch zu mir gehörte, und so war es doch im Endeffekt auch ich, die dir gefallen hat, oder? 
Als wir uns am Ende in unterschiedliche Richtungen voneinander verabschiedet hatten, drehte ich mich nach ein paar Sekunden um und sah dir hinterher. Du bist weitergelaufen, während ich noch eine Weile da stand und mein Blick dir folgte, die Hand leicht um das Blatt der Kette gelegt. Jetzt im Nachhinein ist die Situation traurig und absurd zugleich, denn findest du nicht auch, dass dieses Szenario unser gesamtes Miteinander definiert hat? Ich bleibe stehen, wegen dir, und du gehst weiter, ohne dich auch nur einmal umzudrehen? Ja, so könnte man das mit uns zusammenfassen. 
In diesem Moment wusste ich nicht, dass es das letzte Mal ist, dass ich dich sehe. Hätte ich es gewusst, ich schwöre dir, hätte ich dich nicht erst am Ende geküsst. Ich schwöre, ich hätte schon eher zugelassen, dass du meine Hand nimmst. Und vor allem, hätte ich all deine Blicke länger erwidert.
Aber du bist gegangen, und in den Wochen danach bist du immer weiter gegangen, bis du mich schließlich nicht mehr wolltest. Vermutlich bist du in der ganzen Zeit so weit gegangen, dass du besseres gefunden hast. Was ich dir nicht verübeln kann, denn du hattest mich als unterdurchschnittliches Mädchen mit der schönen Kette in Erinnerung. Das war an dem Tag im August okay. Aber etwas so fragiles kann nicht halten. Und vielleicht hätte ich das schon an dem Tag wissen müssen, als ich die Kette kaufte. 

Am vergangenen Samstag, es war der fünfte Dezember, fiel mir etwas auf.
In den vergangenen Wochen hatte das Blatt immer wieder kleine Risse bekommen, und die Wahrscheinlichkeit sich daran zu verletzten wurde größer. Aber ich trug die Kette weiter. Auch nachdem du gegangen warst. Die Kette blieb, obwohl sie Tag für Tag neue Risse bekam. Sie zerbrach langsam, aber der Zauber blieb.
Auf der Arbeit sagte mir eine Kollegin, ich sollte die Kette besser ablegen. Sie hat die gleiche, und bei ihr sei das Blatt komplett gerissen. Aber ich trug sie immer weiter. Am Samstag sah ich dann, dass die Hälfte des Blattes fehlte. Es war in zwei Hälften durchgerissen. Das Schlimme daran war, dass ich den abgerissenen Teil verloren haben musste. Ich finde ihn nicht mehr, und ich gebe all dem so viel Bedeutung, weil diese Kette immer für uns stand. Ich hätte wohl damit rechnen müssen, dass auch sie zerbrechen würde, jetzt, wo du weg bist. 
Ich trage sie auch heute. Es ist kein Blatt mehr, nur der Anfang des Anhängers, der geblieben ist. Zumindest etwas ist geblieben, und wenn das alles ist, dann wahre ich das so lange ich kann.
Und dann frage ich mich, ob es vielleicht auch einfach keinen Zusammenhang gibt. Die Kette lediglich eine Fehlinvestition war. 
So wie du. 
Nicht alles hat irgendeine tiefgreifende Bedeutung. Aber vorhin habe ich mich aus versehen an dem scharfen Ende des Anhängers geschnitten. Dann nochmal. Und es brannte, so wie all die Erinnerungen, die noch von dir geblieben sind. Jeden Tag brennen sie. 
Und diese Kette steht genau da für. Wie fragil es begonnen hat. Wie es trotz der Risse doch noch immer hielt. Wie es schließlich kaputt gegangen ist. Und selbst danach noch schneidet und brennt. Und man diese Erinnerungen bewusst in den Kopf ruft. Man bewusst das scharfe Ende des Blattes anfasst und zudrückt. Ein kurzes Brennen spürt, danach Schmerz. 
Um so überhaupt noch irgendetwas zu fühlen.

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