Freitag, 27. März 2015

"I hope you see pieces of me in every girl who walks through your bedroom door"
        (I see pieces of you in every boy that smiles at me) 
 
Er ist jetzt schon über zehn Minuten zu spät, und je länger ich warte, desto stärker ist der Drang zu verschwinden.
Was kann ich tun, damit du mir meine dreieinhalb minütige Verspätung verzeihst, ich bin hier in der Gegend quasi nie, ich kann mich also auch richtig zum Idioten machen.. Ah okay, ich mache mich eh schon zum Idioten oder? Ich glaube ich bin nervös. Hör auf zu lachen man. Du siehst toll aus. 
Okay so gesehen war das alles von Anfang an eine bescheuerte Idee. Ein Hoch auf mein undurchdachtes Handeln. Warum genau hatte ich diesem Scheiß hier zugestimmt? Um zu gewinnen? Es ist kein Spiel, ermahne ich mich selbst. Es war mal eins, und ich hatte es verloren.
"Sorry meine Bahn kam zu spät" Er stürzt auf mich zu und schaut mich von oben bis unten an. "Wartest du lange? Hättest dich ruhig schon reinsetzen können ne" Er sieht so dämlich aus.
Fünf Minuten später studiere ich die Liste mit Hochprozentigem, weil ich nüchtern nicht mal die Anstandsstunde hier aushalte. Er sitzt mir gegenüber, sein Blick auf mir. "Freut mich echt, dass du es geschafft hast", fängt er an. "Ich hatte schon Angst, ich bekomme dich nie zu sehen" 
Zur Antwort schenke ich ihm ein müdes Lächeln "Dann ist das ja heute dein Glückstag", schiebe ich trocken hinterher. 
Sicher, dass du nichts trinken gehen willst? Brauchst du nicht so ein bisschen flüssiges Selbstbewusstsein, um es mit mir aufnehmen zu können? Au! Schlägst du immer direkt zu, wenn man dich ärgert? Au oh bitte, bitte verschone mich. Nicht in der Öffentlichkeit! 
Nach einer nicht enden wollenden Stunde in der er mir seine Lebensgeschichte aufzwängt, zahlt er und wir gehen. "Hast du dir das Treffen so vorgestellt heute?", will er wissen und greift so beiläufig wie möglich nach meiner Hand, als wir durch die Innenstadt spazieren. Ich ziehe sie nicht weg, es ist als wäre sie gelähmt, meine Gedanken rasen und ich bemühe mich ruhig zu atmen.
Hast du es dir so vorgestellt? Ich hatte echt die Sorge, es würde komisch werden. Du etwa nicht? Frierst du? Ey du Frostbeule, gib mir sofort deine Hände!
Er merkt nicht, dass da an seiner Hand kein Mädchen läuft, dass auch nur im Ansatz Interesse an ihm hat. Mir ist schlecht, mir ist kalt und alles was er sagt ist falsch. Es tut mir nicht leid für ihn, alles was ich spüre ist die Wut auf mich selbst, und als sich unsere Blicke treffen und ich wieder jemand anderen in ihm sehe, löse ich meine Hand aus seiner. "Ist spät geworden"
Ich weiß, dass es gleich so weit ist. So wie die anderen Male in den letzten Tagen, wird auch gleich der entscheidene Punkt kommen. Auch wenn ich die Antwort hier schon erahne, lasse ich mich darauf ein. Mir ist so verdammt schlecht.
Er zieht mich an sich ran und küsst mich, erst langsam, dann drängender. Ich habe das Gefühl zu ersticken, stelle aber kurz darauf fest, dass das viel mehr ein Wunsch als eine Befürchtung ist. Als er mich schließlich los lässt, grinst er breit. "Wow", sagt er und will wieder nach meiner Hand greifen, die ich gerade eben noch wegziehen kann. 
Langsam weicht er etwas zurück und ich warte darauf, dass die Welt sich wieder dreht. Tut sie aber nicht. Benommen wie ich bin, schaffe ich es kaum, den Blick abzuwenden, bis er sich ein weiteres Mal zu mir beugt, und mir auf die Stirn küsst. Ich hoffe, dieser Moment hier endet nie.
"Da besteht definitiv Wiederholungsbedarf" Mein Gott, warum grinst er so bescheuert. Ich wage es kaum ihn anzusehen, zum einen weil er furchtbar ist, zum anderen weil ich es bin. Und ihn benutzt habe um zu fühlen. Und ich fühle, ich fühle gerade alles  schlechte. "Ja. wenn es sich mal ergibt", rede ich mich heraus, und zwei Minuten später bin ich verschwunden. 
Vielleicht muss man sich auch nur öfter treffen. Was kann man schon erwarten, nach einem Mal. Meine Augen brennen.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie ungern ich dich jetzt gehen lasse. Ah nein warte, was du dir wirklich nicht vorstellen kannst ist meine Vorfreude auf das nächste Mal. Guck nicht so, ich mein das ernst. Warum vertraust du eigentlich nie dem was ich sage? 

Wir hatten uns danach nicht mehr gesehen.